Erfolgreiche Ausgrabungsarbeiten in den Regionen des Fluxus

Rainer Apfelbaums EInzelausstellung über die Jahreswende 2007/2008: Temporäre Installationen rund um das rote Pigment „Krapplack“ in der Neuen Galerie im Höhmannhaus


Wer Kunst für etwas hält, das aus Objekten mit einer besonderen Form und Farbe besteht, gilt schnell als Banause. Das ist nicht zu Unrecht so. Aber manchmal sind selbst Werke, die auf den ersten Blick nicht annähernd an diese klassischen Kunstformen erinnern, im Wesentlich genau das. In der Ausstellung „Krapplack“, die die Neue Galerie im Höhmannhaus über den Jahreswechsel 2007-2008 zeigte, fanden sich Werke dieser Art. Der Künstler, ein Saxophonist, der die Besucher der Vernissage mit Improvisationen 'trancierte', entwickelt seit 1984 Werke runnd um das rote Pigment.







Auf den ersten Blick also fand sich in der Ausstellung nichts, was den Objektcharakter hätte, der üblicherweise mit formal orientierter Kunst einhergeht. Verschiedene Dinge, mitunter sehr zufällig mit roter Farbe – einem auf Krapplack basierendem Gemisch – bestrichen, lagen herum, standen herum, bewegten sich herum. Ein Infoblatt teilte den BesucherInnen mit, dass der Künstler jeden Tag in die Ausstellung kommt um die Einzelteile seiner Installationen neu zu arrangieren unnd auszutauschen. Die dreiteilige Struktur der Ausstellungsräume gab dieser Objektverteilung Grenzen und Inspirationen: auf dem flachen Boden der Eingangshalle gestaltete Apfelbaum ein Viereck für sein Arrangement: Zeituungen, kleine und große Transportkisten, die meisten mit roten Streichen und Farbtropfen bemalt und dekoriert, manche komplett mit roter Krapplackfarbe bedeckt.


Der zweite Raum bot mit einem kleinen Podest eine passende Fläche für ein rotes Buch – Gedichte des Romantikers Wilhelm Waiblinger. Die Leseecke gestaltete Apfelbaum mit rotem Pigment aus, auch an Beuys' Fettecke erinnernd, nahezu eine Warnung vor Ignoranz. Inm selben Raum waren zwei Leitern aufgebaut, mit rotem Klebeband umwickelt und wie die Kisten mit ein paar lockeren Stichen roter Farbe verziert. Eine Leiter stand, die andere lag im Raum.

Der dritte Raum schließlich: auf den ersten Blick zwischen Treppengeländer, Rundbögen und Zwischenwand nur ein einziges Kunstwerk: ein Dreieck aus rotem Pigment, sorgfältig auf dem Boden verteilt, und wieder eine Anspielung, nicht nur auf die Farbfeldmalerei von Pollock und Frankenthaler, die Farbkleckser oder Farbflüssigkeiten auf am Boden liegende Leinwände verteilten, sondern auch eine Erinnerung an das Gelbe Quadrat aus Blütenstaub der Haselnuss, das in einer der legendären Kunst-Ausstellungen von Harald Szeemann im „Hamburger Bahnhof“ in Berlin schon in den Achtziger Jahren das Publikum entzückte. Zeitlich näher uund artverwandt sind auch die Installationen von Anish Kapoor im Haus der Kuunst in München: Pigmentskulpturen und Pigmentblöcke, zumal noch auch bei Kapoor in recht blaublutig anmutendem, tiefen Rot. Das Krapplack-Dreieck hat allerdings noch eine eigene, individuelle Geschichte: Es erinnert an ein dreieckiges, mit Bäumen bewachsenes Flächenstück in Augsburg, das seiner Bewaldung beraubt wurde, um Bauarbeiten auf der vorbeiführenden Straße zu ermöglichen. - Man muss übrigens kaum erwähnen, dass Klebeband mit der Aufschrift „Vorsicht zerbrechlich“, Leitern, Waldstückchen und ein Fahrradrahmen, Tabletten und ähnliche Dinge in der Ausstellung sich zusammenfinden zu einer Metapher des Lebens als Baustelle – nahezu ein Sprichwort seit dem gleichnamigen Film „Das Leben ist eine Baustelle“. Gefährlicher und mehr auto- oder zwei(rad)-gefühlig ist die Annäherunng an das Thema Unfall und Verletzung. Die Zufälligkeit, nahezu Hemdsärmligkeit der Verteilung und das Fundamentalistische, das in der Verwendung reiner Farbpigmente liegt, verbindet sich gut mit dem Gedanken an Blut..


Die Darstellung des unspektakulären, regionalpolitischen Gehalts politisiert hingegen die Ausstellung nicht wirklich. Es ist mehr eine individuelle Referenz – das hat mich beschäftigt – des Künstlers, wie vielleicht die Kopfschmerztabletten im Rechteck des ersten Raums. Ebenso ist die Verschiebunng und Umverteilung der Objekte eine Art Poesie des leichthebigen Individualismus. Insofern also ein Werk, das seinem Gedanken entspricht – Apfelbaum erklärt sein Interesse an Krapplack, der besonderen Farbe Rot und dem speziellen Pigment mit der symbolischen Funktion, die beide für das Leben als solches haben. Ouh...kay.... also, insofern, in der Tradition des Fluxus: Kunst ist Leben, Leben ist Kunst. Die musikalischen Einspielungen – der Künstler trat nicht nur zur Eröffnung mit Saxophon auf – und Variationen überzeugten als relativ unauffällig daherkommende Nachfolgeerscheinung der Happenings der 60er und 70er, als man quasi die Kunst von der Wand nahm, sie in den Raum und in die Öffentlichkeit stellte. In der Apfelbaum-Form ist diese Innovation für das Augsburger Publikum, das strenggenommen zum letzten Mal beim Pax Romana um 1500 positiv auffiel, zumutbar. Das Gästebuch bildet ab, wie sich Gegenwartskunst in konservativen Regionen noch immer um Anerkennung bemühen muss und auf persönliche Sympathien bauen muss.

Die BesucherInnen nutzten andererseits den offenen Charakter der Installation zur Einmischung: Das Rechteck wurde eine Art Wunschbrunnen, in den zahlreiche BesucherInnen etwas hineinstellten, um so glücklich zu werden wie dieser Künstler..... Einige verteilten sogar Geld in den Ausstellungsräumen, den musizierenden Künstler vielleicht als Straßenmusikanten missverstehend und sich einfach in diesem Rollenschema wohler fühlend. Andere wiederum hatten wirklich nette und liebevolle Ideen, wie z.B., einen kleinen Teddybären in den Räumen zu postieren. Der Bär schaute passenderweise auf das spitze rote Dreieck und erinnerte so die BesucherInnen, die das Infoblatt zu der abgeholzten städtischen Waldfläche gelesen hatten, an kleine Tiere und deren Probleme im Straßenverkehr.





Nun gut, insoweit, eine gerahmte Sache: Zwei Rechtecke und zwei Dreiecke in der Ausstellung, alle rot, einige zum Raum gehörend, andere dem Künstler, eines flach, ein anderes dreidimensional. Darin wechselnde Farben. Ephemere Inhalte. Flüssiger Freejazz. Schichten von Farbfeldern, eingebettet in einen Hauch Brutalität: ein dem Grabe enthobener Pollock.


Ulrike Ritter


„Kunstraum Apfelbaum“ Kulturfabrik, Bergmühlstraße 34, 86153 Augsburg


Neue Galerie im Höhmannhaus

Maximilianstraße 48

86150 Augsburg

Tel. 0049 (0)821 324 4102

Di 10-20 Uhr, Mi-So 10-17 Uhr

Interview mit dem Künstler